Wahrnehmung, Führung und Verhalten – ein Ausflug in die Wahrnehmungspsychologie und Ergebnisse der Gehirnforschung

Ihr erinnert Euch an Lars, Amina und Eymen? Jeder hatte seine eigenen Herausforderungen zu meistern, stets gepaart mit der individuellen Motivationsstruktur und somit einer ganz persönlichen Lösung. Aufbauend auf unseren drei Beispielen, werden wir uns in diesem und dem nächsten Beitrag mit der Theorie, der Lehre, befassen. Und ganz nebenbei erfahrt Ihr, wie es mit Eymen weiterging …

Photo by Bret Kavanaugh on Unsplash

· 10 Min Lesezeit

Zur Auffrischung hier noch mal ihre Profile: 

Praxisbeispiel Lars | Praxisbeispiel Amina | Praxisbeispiel Aymen

„Wollen lässt sich nicht lernen.“―Seneca

Das bedeutet also: Auch wenn ich weiß, dass es gut wäre, sich anders zu VERHALTEN – schaffe ich es nicht. Ursache hierfür ist, wie die Umstände auf mich wirken – oder präziser ausgedrückt: wie ich diese wahrnehme. Und die Wahrnehmung hat sehr viel mit meiner Persönlichkeit zu tun.

Steven Reiss verdanken wir einen wunderbaren Begriff: den des Self-Huggings – die Selbst-Umarmung. In unserer Welt sind wir selbst der Mittelpunkt. Was wir wichtig finden, ist für uns „normal“, was uns unwichtig erscheint, halten wir für „nicht normal“. Ich hatte unlängst eine Führungskraft im Coaching, die mir sagte: „Schauen Sie, meine Mitarbeitenden sind demotiviert, aber das ist ja klar bei dem Job oder? Da wären Sie auch demotiviert. Die muss man permanent anschubsen, damit sie was tun, aber das ist ja klar … usw.“

Was sagt uns das?

Das, was jemand über andere sagt, sagt viel mehr über ihn selbst aus, als über die anderen. Vorsicht Sickerwitz.

Eine andere Führungskraft sagte: „Unsere Leute sind gegen diese Veränderungen, wissen Sie, aber ehrlich gesagt: wer mag schon Veränderungen?“ ________ Pause

Beide Sichtweisen führen nicht zu Erfolg, sondern geradewegs in die Hilflosigkeit. Denn wenn die Gegebenheiten tatsächlich so sind wie geschildert, dann kann man nichts daran ändern. Aber wie soll dann ein erfolgreiches Team aufgebaut, wie soll man eine inspirierende Führungskraft werden – bei solchen Mitarbeiter*innen?

HEISST das, DASS ERFOLG mit Wahrnehmung zu tun hat?

JA – und noch dazu extrem viel!!

Wir haben rasch eine Einschätzung einer Situation und verhalten uns danach – weil es aus unserer Sicht der Dinge SINN MACHT. Und plötzlich stellt sich heraus, dass dies gar nicht so sinnvoll war … Wie kommt es dazu, dass unsere Wahrnehmung uns da immer wieder ein Schnippchen schlägt?

Lars erzählte im Coaching, dass alle Mitarbeitenden so respektlos mit ihm umgehen würden, weil sie wahrscheinlich neidisch sind, dass er diese Karriere gemacht hat. Amina erzählte, dass bei den älteren Mitarbeitern „Hopfen und Malz verloren ist“ wie man bei uns sagt, sinnlos, mit denen zu arbeiten. Eymen sprach hauptsächlich über Sehnsüchte, das was ihn ausmachte, und das was er tatsächlich genötigt war zu tun. Er schwärmte von den Anfängen seiner Tätigkeit und litt unter den lähmenden Pflichten. Eymen machte dabei seinen Job trotzdem gut, ganz einfach, weil er es seinen Mitarbeiter*innen schuldig war und weil er sich verpflichtet fühlte. Aber er war erschöpft und unglücklich. Du kannst dir vielleicht vorstellen, wie die Geschichte endete: Eymen stieg aus. Er verkaufte seine Anteile und machte sich selbständig – als One-Man Show.

Das Problem der Wahrnehmung ist der WAHRNEHMUNGSPROZESS

Wir nehmen nicht einfach „neutral und objektiv“ wahr, sondern höchst subjektiv. Das liegt an unseren Wahrnehmungsfiltern. Wenn wir beispielsweise eine Situation wahrnehmen, dann VERGLEICHEN wir diese mit anderen wahrgenommenen und ähnlichen Situationen und interpretieren diese höchst subjektiv durch unsere Brille. Wir sprechen in diesem Zusammenhang gerne von individuellen LANDKARTEN der Wirklichkeit.

Lars hatte durch die Brille seiner Persönlichkeit: hohe Anerkennung, hoher Status und wahrscheinlich jeder Menge Erfahrungen das Verhalten seiner Manager*innen als „respektlos“ interpretiert. Amina hatte durch die Brille ihrer Persönlichkeit: hohe Macht, geringe Ruhe, geringe Anerkennung, geringe Ordnung das Verhalten der „älteren“ frustrierten Kolleg*innen als faul und unwillig interpretiert.

Und SO werden unsere Landkarten zu unseren Wegweisern! Sie entscheiden über die BEDEUTUNG, die wir den Dingen geben und führen uns manchmal – wie wir bei Lars und Amina gesehen haben – in ein scheinbar unlösbares DILEMMA. WEIL wir uns sehr auf sie verlassen und sie nicht für jede SITUATION eine ausreichende HILFE darstellen. Gerade, wenn beispielsweise NEUES auftritt.

WIE ist nun die VERBINDUNG von RMP und LANDKARTEN

Was eine ganz wesentliche WIRKUNG auf die Landkarte hat, ist unsere Persönlichkeit (RMP). Die schlägt immer zu und so kommt es, dass wir oft keinen AUSWEG finden.

Was hilft:

Auszubrechen aus einem Muster, das wir alle haben und das sich so gut bei Lars und Amina gezeigt hat: das Muster heißt „mehr desselben“!

Wir tendieren dazu, etwas, das in der Vergangenheit bereits funktioniert hat, immer zu wiederholen, auch wenn dieses Verhalten sich als nicht mehr nützlich erweist. Wenn also beispielsweise Eymen ein Problem lösen sollte, das ihn nicht sonderlich interessierte, dann hat er einfach eine Zeit lang zugewartet, war zögerlich, versprach, sich zu kümmern, tat es aber nicht, bis das Problem verschwunden war, was im Normalfall bedeutete: eine andere Person hat das Problem gelöst oder man hatte sich daran gewöhnt, mit einer Situation zu leben. Mit seiner Verantwortung für Mitarbeiter*innen versucht er das auch, aber es macht ihn und auch die anderen zusehends unglücklich und unzufrieden.

Deshalb handeln wir im Coaching mit Führungskräften nach einem Prinzip das heißt:

Wenn alles, was du versucht hast, nicht funktioniert hat, dann mach um Himmels willen irgendetwas anders, aber bitte bitte nicht MEHR DESSELBEN.

Der erste Schritt dazu heißt, sich selbst zu verstehen. Zu verstehen, was dazu führt, dass meine Lösungen immer wieder ähnliche sind, was mich dazu veranlasst, Menschen in bestimmten Situationen immer wieder auf diese Weise wahrzunehmen, wie sie zwar nicht nützlich ist, aber ich kann diese Sichtweise alleine nicht verändern.

Lars lernte durch sein Reiss Motivation Profile® zu verstehen, was ihn dazu bringt, in die Falle des Sich-Gering-Geschätzt-Fühlens zu gehen, Amina lernte, dass Menschen mit einem höheren Anerkennungs- und Ordnungswert oft gefangen sind in einer Sackgasse der Frustration und des Nicht-Vermögens, ihre Situation zu verändern.

Wir möchten gerne raten, sich mal einen Moment der Ruhe zu nehmen und die eigene Wahrnehmung zu reflektieren. Und mal den Versuch zu wagen, einen Schritt zur Seite zu machen und aus einem anderen Winkel das Ganze nochmals zu betrachten.

Teil 2: In unserem 2. Teil der Theorie, fokussieren wir uns auf die Persönlichkeit. Dabei stehen die Themen der Reflexion und Veränderung im Mittelpunkt. Natürlich wieder anhand unserer drei Coachingbeispiele

Ist Persönlichkeit wirklich immer der ausschlaggebende Faktor?

Schauen wir uns die drei nochmal genauer an:

Wie du bei Lars gesehen hast, wird dieser es aufgrund seiner Persönlichkeit möglicherweise schwerer haben, seinen Weg zu anderen Menschen zu finden. Er wird wahrscheinlich auch mit seinen Defiziten in der Führung beschäftigt sein. Und es werden ihm vermutlich immer wieder Schnitzer passieren, doch zunehmend weniger und weniger, wenn er mit der Selbstreflexion am Ball bleibt ...

Bei Eymen haben wir gesehen, dass ihn der von ihm eingeschlagene Weg aufgrund seiner Persönlichkeit unglücklich gemacht hat. Der Ausstieg war sicher die richtige Lebensentscheidung für ihn.

Amina hatte es aufgrund ihrer Persönlichkeit leichter, Dinge umzusetzen, dranzubleiben und Stärken weiter auszubauen.

Ist also Persönlichkeit der ausschlaggebende Faktor?

Nicht nur … Für uns hat sich gezeigt, dass die Fähigkeit und der Wille zur Reflexion der eigenen Persönlichkeit, Wahrnehmung, letztlich des eigenen Verhaltens und der Wirkung auf andere ausschlaggebend sind für Führungserfolg. Aber natürlich hat das sehr oft mit unserer Persönlichkeit zu tun!! Wir erleben in der Praxis aber auch Menschen, die uns überraschen, die nicht wegen, sondern trotz ihrer Persönlichkeit erfolgreich sind, weil es für sie selbstverständlich ist, den – manchmal durchaus unvorteilhaften – Blick in den Spiegel zu wagen..

Es gibt eine zentrale Fähigkeit, die für den Erfolg als Führungskraft unerlässlich ist – die Fähigkeit zur Reflexion.

Die Fähigkeit, das eigene Tun und Wirken immer wieder – durchaus kritisch - in Frage zu stellen und auf seine Wirkung hin zu überprüfen – die Fähigkeit zur Selbstreflexion – ist eine wesentliche, wenn nicht sogar die zentrale, Basis des Lernens. Eine Basis dafür, das eigene Verhalten auch beeinflussen und verändern zu können. Dies ist eine herausfordernde Aufgabe, bei der wir Unterstützung gut gebrauchen können.

Das Reiss Motivation Profile® stellt eine Möglichkeit für eine derartige Unterstützung dar – und zwar eine sehr wirkungsvolle. Denn über das eigene Verhalten zu reflektieren erfordert, sich mit den Grundprinzipien menschlichen Verhaltens auseinanderzusetzen. Und dies hat wiederum eine nicht unwesentliche Auswirkung darauf, wie wir wahrnehmen bzw. wie unsere Wahrnehmung sich verändert.

Wir dürfen an dieser Stelle noch einmal auf Amina und Lars zurückkommen:

In einem begleitenden Coaching lernte Amina, dass Menschen mit einem höheren Anerkennungs- und Ordnungsmotiv manchmal gefangen sind in einer Sackgasse der Frustration und sie sich dann schwer tun, ihre Situation anders zu betrachten und dementsprechend zu verändern.

Richtig „Klick“ machte es bei Amina, als sie in einer Sitzung ihren schwierigsten Mitarbeiter schilderte: „Der ist so, wie ich keinen Menschen kenne, der hat definitiv nichts Liebenswürdiges an sich.“ Im Coaching ließ sie sich auf ein Experiment ein: Was, wenn sie diesen Mitarbeiter beim nächsten Zielvereinbarungsgespräch EMOTIONAL wie ihren Besten behandelt und darauf achtet, was passiert. Nach anfänglichem Zögern nahm sie die Aufgabe sportlich an und erlebte ihr persönliches Wunder – ein wirklich gutes Gespräch mit einem Mitarbeiter, in dessen Landkarte Enttäuschung, Trauer und Wut zu destruktivem Verhalten geführt hatten.

Aber das echte Wunder war ein ganz anderes: Das Wunder des Verstehens! Amina hatte verstanden, was dazu geführt hatte, dass sich ein gar nicht einmal so unambitionierter Mensch derart entwickelt hat. Für Amina war das der Durchbruch. Sie ist eine ausgezeichnete Führungskraft geworden, die heute bereits 2 Stufen höher sitzt als damals.

Lars hatte es tatsächlich schwer. Seine Persönlichkeit führte zu einem Weltbild, in dem er häufig Neid vermutete, Respektlosigkeit fühlte und durch viele Kränkungen hindurchging. Darüber hinaus musste er alles bis ins Letzte kontrollieren. Aber auch Lars hat es geschafft. Wie? Paradoxerweise durch noch mehr Verantwortung.

Erst mit der Übernahme eines weiteren Filialnetzes war er in der Lage, sich aus dem operativen Geschäft herauszuhalten. Eine Mutprobe der Führungskraft, die geklappt hat. Lars ist gewachsen, musste aber immer wieder heftige Rückschläge in Kauf nehmen. Er wurde über ein Jahr hindurch durch ein Coaching begleitet. Auch seine eigene Führungskraft klinkte sich ein und arbeitete gut mit ihm. Der Durchbruch gelang erst, als er durch das Mehr an Verantwortung die Entscheidung traf, seinen MitarbeiterInnen endlich Verantwortung zu übertragen und sich ZWANG, Dinge nicht nochmals zu kontrollieren, die bereits von einer seiner Führungskräfte bearbeitet wurden.

Fazit: Die Situation hat etwas mit mir zu tun

Wenn wir Menschen im Coaching begleiten, erleben wir anfangs häufig, dass diese sehr verstrickt sind in ihre Probleme. Es ist ihnen oftmals gar nicht bewusst, wie sehr die Situation mit ihnen selbst zu tun hat. Denn eine Situation an sich ist ja noch kein Problem. Zu einem Problem wird diese erst, wenn eine Person diese als solches wahrnimmt und (noch) nicht erkennen kann, wie sie diese lösen kann. Eine Führungskraft sagte einmal während eines Coachings, in dem es um einen für sie ermüdenden Change Prozess ging: „Sind wir ehrlich – jeder Mensch hasst doch Veränderungen …“ Dieser Satz sagt nichts über Veränderungen, aber viel über die Person aus, findest du nicht auch?

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